Freibäder


UNTERLAND. Die Freibäder der Region erhalten von der Stiftung Procap kaum gute Noten für ihre Rollstuhltauglichkeit. Kaum bis zum Schwimmbecken schaffen es vom Rollstuhl abhängige Personen in den meisten Unterländer Badis. Noch schwieriger wird es, wenn ein Handicapierter mal aufs WC muss oder duschen will. In den meisten Badeanstalten der Region sind die Toiletten nicht behindertengerecht, und auch die Umzieh- und Duschkabinen sind nicht rollstuhltauglich. Dies zeigt eine breit angelegte Erhebung der Stiftung Procap, der Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Handicap. Rund 900 Badeanstalten haben die Urheber auf ihre Behindertenfreundlichkeit geprüft. Die Ergebnisse sind im Internet unter www.swissbadeanstalt.ch einsehbar. Rund der Hälfte der Frei- und Hallenbäder attestiert die Stiftung, mehr oder minder rollstuhlgängig zu sein. «Das ist nicht schlecht, doch es gibt noch immer Handlungsbedarf», sagt Mediensprecher Bruno Schmucki. Von den Unterländer Badis erhielten vier das Prädikat «beschränkt rollstuhl-gerecht». Sechs wurden als ungenügend bewertet. Die betroffenen Bäder wehren sich jedoch gegen die schlechten Noten.

Das Bülacher Freibad wird von der Stiftung Procap als «bedingt rollstuhlgerecht eingestuft. Der querschnittgelähmte Hansruedi Fitze schafft es nur mit Hilfe des Bademeisters aus dem Wasser. Die Liegewiesen sind dafür gut im Rollstuhl erreichbar.

Bild: Sibylle Meier


900 Bäder überprüft
Damit Handicapierte wie Fitze künftig wissen, wie ein Schwimmbad beschaffen ist und nicht mehr vor einer Schwelle oder einer Mauer stehen bleiben, hat die Stiftung Procap landesweit 900 Hallen und Freibäder auf ihre Rollstuhltauglichkeit geprüft. Die Ergebnisse sind unter www.swissbadeanstalt.ch einsehbar. «Wir sahen uns den ganzen Weg, den jemand vom Parkplatz bis ins Schwimmbecken zurücklegt, an», sagt Mediensprecher Bruno Schmucki. Garderoben, Toiletten, Duschen, Liegewiesen und der Zugang zu den Becken sowie zum Kiosk seien begutachtet worden. Das Ergebnis: Nur rund die Hälfte der Schweizer Bäder sind rollstuhlgerecht. Auch im Unterland fällt die Bilanz ernüchternd aus: Von zehn bewerteten Freibädern sind nur vier einigermassen rollstuhltauglich eingerichtet. Behindertengerechte Umziehkabinen und Duschen sind fast in keiner Unterländer Badi vorhanden. Das halte die meisten bereits davon ab, ein Freibad zu besuchen, sagt Inge Fitze. Die negativ beurteilten Badis weisen die Kritik aber zurück. So kann der Niederweninger Bademeister Daniel Schoch nicht nachvollziehen, weshalb seine Badi nur zwei von fünf Punkten erhält. «Bei uns kommen regelmässig Kinder und Erwachsene im Rollstuhl zum Baden», sagt Schoch. Das Becken sei mit dem Rollstuhl problemlos erreichbar und auch die Toilette sei behindertengerecht. Auch Peter Pfluger, Betriebsleiter des Frei- und Hallenbades Bruggwiesen in Opfikon, kann die Bewertung seiner Anstalt nicht verstehen. Mit drei von fünf Punkten ist sie laut Procap nur «bedingt rollstuhlgerecht». «Man kommt bei uns mit dem Rollstuhl bis zum Becken», sagt Pfluger. Zudem gebe es einen Rollstuhllift, um von der Kasse zum Bad zu gelangen. Die Behindertentoilette sei derzeit tatsächlich ausser Betrieb. Mit der bevorstehenden Sanierung des Bades würde aber alles nochmals besser. Hansruedi Hug, Geschäftsführer der Dielsdorfer «Erlen», kann ebenfalls nicht nachvollziehen, weshalb seine Badi nur «bedingt rollstuhl-tauglich» sein soll. In der renovierten Badeanlage sei neu alles schwellenfrei. Im Hallenbad gebe es zudem eine Behindertentoilette. Die «Erlen» würde zudem regelmässig von Personen im Rollstuhl zum Baden aufgesucht. Auch der Chefbademeister im Walliseller «Waterworld» findet es nicht gerechtfertigt, dass seine Badi als nichtrollstuhlfreundlich klassifiziert wurde.


Abhängigkeit als Hemmschwelle
Oftmals seien es aber Feinheiten, die einem Handicapierten das Badevergnügen verderben, sagt Hansruedi Fitze. Und wer nicht selber im Rollstuhl sitze, sei sich dieser Hürden gar nicht bewusst. Mit fremder Hilfe schaffe man es fast überall ins Schwimmbad, meint der gelernte Dachdecker, der nach einemschweren Sturz zum Querschnittgelähmten wurde. «Wenn ich auf fremde Hilfe angewiesen bin, ist das aber bereits eine Hemmschwelle», sagt Fitze. Er bliebe dann lieber zu Hause. Obwohl die Stiftung Procap ihre Erkenntnisse den einzelnen Bädern weitergegeben hat, dürfte es in den meisten Fällen noch einige Zeit dauern, bis sich die Situation verbessert. Denn meist werden die nötigen Massnahmen erst im Rahmen einer Gesamtsanierung der Bäder umgesetzt.

Zürcher Unterländer: Freitag, 8. Juni 2012 / Fabian Boller

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